Zwei Bäume können im selben Wald stehen. Sie wachsen auf derselben Erde, unter demselben Himmel. Der Regen fällt auf beide, der Wind streicht durch ihre Äste, und die Sonne scheint auf ihre Blätter.
Und trotzdem wachsen sie nicht gleich.
Der eine wird schneller gross. Der andere braucht länger. Einer bekommt mehr Sonne, der andere steht vielleicht häufiger im Schatten. Einer entwickelt früh kräftige Äste, während der andere jahrelang still und unscheinbar vor sich hin wächst.
Aber wissen Sie, was keiner von beiden tut?
Er schaut nicht zum anderen hinüber und denkt: Warum bin ich noch nicht so gross? Warum hat der andere schon so viele Äste? Warum bin ich nicht dort, wo er ist?
Der Baum wächst einfach. In seinem eigenen Tempo.
Vielleicht ist genau das etwas, das wir Menschen verlernt haben.
Das stille Rennen unseres Lebens
Wir leben in einer Zeit, in der wir ständig vergleichen.
Wer hat mit 25 schon Karriere gemacht?
Wer hat geheiratet?
Wer hat Kinder?
Wer besitzt ein Haus?
Wer fährt welches Auto?
Wer verdient wie viel?
Wer ist erfolgreich?
Wer sieht glücklich aus?
Wer hat mehr erreicht?
Und irgendwann beginnen wir, unser eigenes Leben anhand der Lebensentwürfe anderer Menschen zu bewerten.
Wir schauen nach links.
Wir schauen nach rechts.
Wir beobachten, was die anderen tun.
Und während wir damit beschäftigt sind, das Leben der anderen zu betrachten, verlieren wir manchmal den Blick für unser eigenes. Gerade in einem kleinen Land wie Liechtenstein kann dieses Gefühl besonders stark werden.
Man kennt sich. Man begegnet sich. Man weiss, wer wo arbeitet, wer welches Haus gebaut hat, wer welches Auto fährt, wer geheiratet hat, wer Kinder bekommen hat und wer beruflich den nächsten Schritt gemacht hat.
Die Nähe kann etwas Wunderschönes sein. Aber sie kann auch dazu führen, dass wir uns ständig beobachtet fühlen. Nicht unbedingt, weil uns tatsächlich alle beobachten. Sondern weil wir irgendwann anfangen, uns selbst durch die Augen der anderen zu betrachten.
Wir leben nach unsichtbaren Zeitplänen
Es gibt diese unsichtbaren Zeitpläne, die uns begleiten.
Mit zwanzig sollte man wissen, was man will.
Mit dreissig sollte man angekommen sein.
Mit vierzig sollte man etwas aufgebaut haben.
Mit fünfzig sollte man zufrieden sein.
Aber wer hat eigentlich entschieden, dass ein Menschenleben nach einem solchen Zeitplan funktionieren muss?
Wer sagt, wann jemand bereit sein muss?
Wer bestimmt, wann ein Mensch erfolgreich ist?
Und wer legt fest, wie ein glückliches Leben auszusehen hat?
Vielleicht sind wir manchmal viel zu schnell dabei, Menschen zu beurteilen, die einen anderen Weg gehen.
Derjenige, der mit 30 noch einmal neu anfängt.
Die Frau, die sich bewusst gegen Kinder entscheidet.
Der Mensch, der seinen sicheren Arbeitsplatz verlässt, obwohl alle sagen, dass er doch froh sein soll, ihn zu haben.
Derjenige, der nicht das grosse Haus braucht.
Die Person, die weniger verdienen möchte, dafür aber mehr Zeit für sich hat.
Der Mensch, der erst mit 50 entdeckt, was er eigentlich wirklich möchte.
Wir sehen oft nur das Ergebnis.
Aber wir sehen nicht den Weg.
Wir sehen den Baum.
Aber nicht die Jahre, in denen er im Schatten gestanden hat.
Nicht jeder Mensch braucht dieselbe Sonne
Vielleicht braucht der eine Mensch mehr Zeit. Vielleicht musste er erst fallen, bevor er wusste, wie er wieder aufstehen kann. Vielleicht musste jemand Umwege gehen, die von aussen wie verlorene Jahre aussehen. Vielleicht war genau dieser Umweg notwendig. Denn Menschen sind keine Maschinen. Wir sind nicht dafür gemacht, alle nach derselben Anleitung zu funktionieren. Was den einen glücklich macht, kann den anderen innerlich leer machen. Was für die eine Person Erfolg bedeutet, kann für eine andere Freiheit bedeuten. Und was von aussen wie Stillstand aussieht, kann im Inneren ein enormes Wachstum sein. Manchmal wächst ein Mensch jahrelang, ohne dass man es sieht. So wie ein Baum zuerst Wurzeln bildet, bevor er sichtbar in die Höhe wächst.
Vielleicht sollten wir wieder mehr nach innen schauen
Die entscheidende Frage ist vielleicht nicht:
„Bin ich weiter als die anderen?“
Sondern:
„Bin ich noch auf meinem Weg?“
Nicht:
„Warum hat er schon, was ich noch nicht habe?“
Sondern:
„Was brauche ich wirklich?“
Nicht:
„Was erwarten die anderen von mir?“
Sondern:
„Wie möchte ich mein eigenes Leben leben?“
Das klingt einfach.
Aber es ist vielleicht eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt.
Denn den eigenen Weg zu gehen, bedeutet manchmal, Erwartungen zu enttäuschen.
Es bedeutet, Nein zu sagen. Es bedeutet, anders zu sein. Es bedeutet, nicht überall dazugehören zu müssen. Und manchmal bedeutet es sogar, Menschen hinter sich zu lassen, die einen nur dann verstehen, wenn man so bleibt, wie sie einen gerne hätten.
Vielleicht müssen wir nicht alle gleich sein
Liechtenstein ist klein. Vielleicht sollten wir deshalb nicht versuchen, noch kleiner zu werden, indem wir uns gegenseitig in dieselben Formen pressen. Vielleicht braucht es mehr Menschen, die den Mut haben, anders zu leben. Menschen, die nicht ständig fragen, was die anderen denken. Menschen, die sich erlauben, langsamer zu sein. Menschen, die neu anfangen. Menschen, die sagen: Das ist nicht mein Weg. Und vielleicht braucht es auch eine Gesellschaft, die solche Entscheidungen nicht sofort bewertet. Eine Gesellschaft, in der wir nicht nur fragen:
„Was hast du erreicht?“
Sondern auch:
„Wie geht es dir eigentlich?“
Denn am Ende unseres Lebens wird vermutlich nicht entscheidend sein, ob wir schneller waren als unser Nachbar.
Nicht, ob unser Haus grösser war. Nicht, ob unser Lebenslauf beeindruckender aussah. Nicht, ob wir die Erwartungen aller erfüllt haben.
Vielleicht wird die wichtigere Frage sein:
Habe ich mein eigenes Leben gelebt?
Zwei Bäume
Stellen wir uns noch einmal diese beiden Bäume vor.
Der eine ist gross und kräftig. Seine Krone reicht weit in den Himmel.
Der andere ist kleiner. Vielleicht steht er etwas schiefer. Vielleicht hatte er weniger Sonne. Vielleicht musste er Stürme überstehen, die der andere nie erlebt hat.
Aber keiner von beiden ist weniger wert.
Beide gehören zum selben Wald.
Und vielleicht ist das auch eine schöne Vorstellung für unsere Gesellschaft.
Dass wir nicht alle gleich wachsen müssen.
Dass wir nicht alle zur gleichen Zeit blühen müssen.
Dass ein Mensch mit 25 nicht dort sein muss, wo ein anderer mit 25 ist.
Dass ein Leben mit 40 nicht aussehen muss wie das Leben eines anderen mit 40.
Dass es kein „zu spät“ gibt für einen neuen Anfang.
Und dass wir uns vielleicht viel öfter daran erinnern sollten:
Wir sind keine Bäume im Wettbewerb.
Wir sind Menschen.
Jeder mit seiner eigenen Geschichte, seinen eigenen Wurzeln, seinen eigenen Wunden, seinem eigenen Tempo. Der eine braucht mehr Sonne. Der andere mehr Zeit. Und vielleicht braucht ein Dritter einfach endlich den Mut, aus dem Schatten herauszutreten. Vielleicht wäre es an der Zeit, aufzuhören, ständig nach links und rechts zu schauen. Vielleicht wäre es an der Zeit, wieder nach vorne zu sehen. Auf den eigenen Weg. Auf das eigene Leben. Auf das, was wirklich zählt. Denn der Sinn des Lebens kann nicht darin liegen, das Leben eines anderen möglichst gut nachzumachen.
Vielleicht besteht der Sinn vielmehr darin, den Mut zu haben, der Mensch zu werden, der man selbst sein kann.













