Startseite / Bevölkerung / Mit fast 100 durch die Wand

Mit fast 100 durch die Wand

Mit 94 Jahren klettert Maria Kittl noch immer zwei- bis dreimal pro Woche. Während andere längst über das richtige Tempo im Ruhestand diskutieren, plant die Oberösterreicherin bereits den nächsten Gipfel – genauer gesagt: das nächste Kletterziel. «Ich möchte 100 werden – mit Klettern.» Ob das klappt? «Ich weiss es nicht. Aber ich kann es versuchen.»

Kittl lebt in Bad Ischl. Sie wurde 1931 in Oberösterreich geboren und hat in ihrem Leben mehr als genug erlebt, um sich mit 94 zur Ruhe zu setzen: den Tod ihres 16-jährigen Sohnes beim Drachenfliegen, den Unfalltod ihres Mannes Robert am Berg, Krebserkrankungen, einen Schlaganfall und einen Oberschenkelhalsbruch. Statt eine Bilanz zu ziehen, spricht sie lieber über das, was noch vor ihr liegt.

Kennengelernt beim Siegen

Robert Kittl lernte sie bei einer Siegerehrung der Landesmeisterschaften im alpinen und nordischen Skilauf kennen. Beide hatten ihre Rennen gewonnen. «Das grösste Geschenk in meinem Leben war, dass ich mit meinem Mann Robert einen Menschen gefunden habe, der immer genauso ausgeflippte Ideen hatte wie ich und auch sehr leistungssportlich orientiert war.»

Anfang der 1960er-Jahre begannen die beiden gemeinsam zu klettern. Sie bewältigten schwierige Touren im Alpenraum. Irgendwann erklärte Robert: «Jetzt müssen wir uns etwas anderes suchen.» Das Paar wechselte zum Reiten und betrieb auch diesen Sport leistungsorientiert.

2008 starb Robert bei einem Unfall am Berg. Der Tod ihres Sohnes traf Maria Kittl noch früher und besonders schwer. Er war 16 Jahre alt, als er beim Drachenfliegen tödlich verunglückte. Für ihr Buch hat Kittl diese Erinnerungen noch einmal hervorgeholt. «Viele Dinge sind mir nach langem Nachdenken plötzlich wieder in den Sinn gekommen.» Die Erzählungen über den Tod ihres Sohnes gehörten zu den Erinnerungen, die sie eigentlich aus ihrem Gedächtnis gelöscht hatte. «Ich selber werde dieses Kapitel aber nicht lesen, weil es mich selber zu sehr aufwühlen würde.»

30 Jahre Pause – dann zurück

Nach dem Tod ihres Sohnes dauerte es rund drei Jahrzehnte, bis Kittl wieder kletterte. Erst mit 80 Jahren kehrte sie an den Fels zurück. Dabei musste sie moderne Techniken und neue Ausrüstung kennenlernen. Bergführer begleiteten sie beim Wiedereinstieg. Heute klettert sie regelmässig und wurde unter anderem durch ihre Begehung der «Ewigen Wand» bei Bad Goisern bekannt. ServusTV begleitete sie für eine «Bergwelten»-Dokumentation am Berg. Warum sie sich das antut, beantwortet sie ohne grosse Umschweife: «In einer steilen Wand geht mir das Herz auf.» Das Klettern bedeutet für sie körperliche und geistige Herausforderung. «Es ist wie Rätsel lösen.» Auch beim Sichern müsse sie hoch konzentriert sein.

Das Leben nicht zu ernst nehmen

Kittl spricht offen über ihren Körper. Wegen Rückenbeschwerden und ihrer fast 95-jährigen Gelenke komme sie morgens kaum aus dem Bett. Auf ihrer Matte im Wohnzimmer beginnt sie deshalb mit Fernseh-Turnen. «Ich weiss, die ersten zehn Minuten tun weh. Dann wird’s aber besser.»

Ihre Vorstellungen von einem gesunden Leben sind klar: Bewegung, gesunde Ernährung, kein Rauchen und möglichst wenig Alkohol. «Der beste Tropfen Alkohol ist jener, den man in seinem Leben nicht getrunken hat.»

Doch ihre Geschichte besteht nicht nur aus Sport und Fitness. Kittl musste Krebserkrankungen, einen Schlaganfall und einen Oberschenkelhalsbruch überstehen. Auf die Frage, was ihr in schwierigen Zeiten geholfen habe, antwortet sie: «Entweder du gibst auf oder du wirst stärker.» Heute sieht sie vieles gelassener. «Man muss das Leben nicht zu ernst nehmen.» Und sie erinnert daran, dass der Tod nicht vom Alter allein abhängt: «Ich kann morgen sterben.»

Erst 90, jetzt 100

Mit 80 Jahren setzte sich Kittl ein konkretes Ziel: Sie wollte 90 werden und dabei noch klettern. Am 90. Geburtstag war sie tatsächlich mit Freunden in der Felswand. Nun steht die nächste Zahl im Raum: 100. «Ich möchte 100 werden – mit Klettern.» Einen Erfolg versprechen kann sie sich nicht. «Ich weiss es nicht. Aber ich kann es versuchen und unternehme jeden Tag etwas dafür.»

Ihre Geschichte ist inzwischen auch als Buch festgehalten. Marlies Lattner-Czerny erzählt in «Mit fast 100 durch die Wand – Der erstaunliche Aufstieg der Kletterin Maria Kittl» von der aussergewöhnlichen Biografie der Oberösterreicherin. Das Buch erscheint im Oktober 2026 im Tyrolia Verlag. Maria Kittl zählt keine Jahre. Sie zählt Griffe. 94 hat sie hinter sich, die nächsten liegen vor ihr. Und solange irgendwo eine Wand wartet, ist für sie noch lange nicht Schluss.

Zitat:

«Ich komme morgens mit meinen grossen Rückenbeschwerden und meinen alten Gelenken kaum aus dem Bett. Aber ich stehe auf, bewege mich – und irgendwann wird es besser. Immer wieder aufstehen: Solange ich kann, möchte ich durch die Wand.»

Maria Kittl

Bildlegende Am Fels

Maria Kittl blickt auf 94 aussergewöhnliche Lebensjahre zurück – und hat noch einiges vor. (Foto: Andreas Lattner-Czerny)

Bildlegende Buch

Das Buch «Mit fast 100 durch die Wand» von Marlies Lattner-Czerny erscheint im Oktober 2026 im Tyrolia Verlag. Wir verlosen drei Exemplare über die Kletterin Maria Kittl. Wer eines gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail an redaktion@der-stammtisch.li.

Link für weitere verfügbare Bilder
https://www.tyrolia.at/verlag/downloads/2026/czerny/czerny-bilder.zip

Hinterlasse einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert