Es war eine ungewöhnliche Einladung: keine Vernissage, keine Ausstellungseröffnung, kein Jubiläum – sondern eine «PocketParty». Im Landesmuseum wurde Ende August gefeiert, dass Liechtensteins Museen und Kulturhäuser künftig gemeinsam in die Hosentasche passen. DJ Ayem lieferte die Beats, Clown Thomas Beck sorgte für die Unterhaltung. Im Mittelpunkt aber stand ein kleines, gefaltetes Stück Papier mit grossem Inhalt: das neue «MuseumsPocket».
Museumsdirektorin Andrea Kauer Loens begrüsste die Gäste mit Zahlen, die selbst eingefleischte Kulturfans aufhorchen lässt. 17 Museen und Kulturhäuser gibt es im Land. «Damit ist Liechtenstein an absoluter Weltspitze», sagt sie. Statistisch kommt auf rund 2400 Einwohnerinnen und Einwohner ein Kulturhaus. Zum Vergleich: In Liechtenstein gibt es pro Kopf dreimal mehr Museen als in der Schweiz, fünfmal mehr als in Österreich und zwölfmal mehr als in Deutschland. Die Zahlen sind beeindruckend – doch die kleine Broschüre soll vor allem eines: Lust machen, diese Vielfalt tatsächlich zu entdecken.
Gemeinsam statt nebeneinander
Dass die neue Broschüre überhaupt entstehen konnte, ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit, die weit länger zurückreicht als bis zur PocketParty. Seit 2013 tauschen sich die Museen und Kulturhäuser offiziell regelmässig aus. «Gemeinsam erreicht man vieles, das gilt auch für die Zusammenarbeit zwischen den Kulturhäusern», sagt Petra Büchel, Leiterin des Gasometers in Triesen.
Was zunächst mit sieben Institutionen begann, ist inzwischen zu einem Netzwerk von 17 Institutionen aus zwölf Trägerschaften gewachsen. Gesprochen wird über Ausstellungen und Projekte, aber auch über Sammlungen, Lagerung und mögliche Synergien. Aus dem Austausch sind mit der Zeit gemeinsame Projekte entstanden: Vor zehn Jahren erschien eine erste gemeinsame Museumsbroschüre, später folgten das Memospiel «suacha, luaga, finda» und der Imagefilm «Kulturplatz Liechtenstein».
Nun folgt mit dem «MuseumsPocket» die nächste Idee – und sie ist bewusst anders gedacht. «Kein klassischer Führer», lautet die Grundidee. Statt eines umfangreichen Nachschlagewerks entstand ein handliches, zweisprachiges Format auf Deutsch und Englisch. Klein genug für jede Tasche, aber so gestaltet, dass sich beim Aufklappen die kulturelle Landkarte des Landes entfaltet.
17 Häuser, ein gemeinsamer Auftritt
Die Herausforderung für Gestalterin Sabine Bockmühl war allerdings nicht nur das kleine Format. Wie bringt man 17 höchst unterschiedliche Häuser visuell zusammen, ohne ihre Eigenheiten einzuebnen?
«Etwas Cooles sollte es sein, etwas Besonderes. Etwas Praktisches. Etwas Kompaktes. Etwas Schönes und etwas Ausbaufähiges», beschreibt Bockmühl ihre Vorstellungen. Sie habe sich gefragt, was sie selbst als Kulturinteressierte in einer fremden Stadt gerne dabeihätte. «Und weil ich kleine Dinge mag, die sich zu etwas Grossem entwickeln, sprich entfalten lassen, kam ich auf die Idee, etwas für die Hosentasche zu gestalten – so wurde das MuseumsPocket geboren.»
Doch dann wartete die eigentliche gestalterische Knacknuss. Zwischen einem modernen, schnörkellosen Bau und einem historischen Bauernhaus liegen architektonische Welten. Fachwerk, ehemalige Wirtschaft, Industriebau oder moderne Museumsarchitektur erzählen jeweils ihre eigene Geschichte. «Die sechzehn Häuser könnten unterschiedlicher nicht sein», sagt Bockmühl. Genau deshalb wollte sie nicht mit einer Sammlung unterschiedlicher Fotografien arbeiten. Stattdessen entwickelte sie für die Gebäude einen einheitlichen illustrativen Stil. Die Häuser werden dadurch als Gemeinschaft sichtbar, ohne dass ihre Unterschiede verschwinden.
«Gemeinschaft bedeutet nicht Gleichmacherei» – dieser Gedanke ist für Bockmühl zentral. Jedes Haus soll seinen eigenen Charakter behalten und trotzdem Teil eines grösseren Ganzen werden. Daraus entsteht nicht nur ein gemeinsamer Auftritt, sondern auch die Möglichkeit für weitere Anwendungen. Die Illustrationen könnten später beispielsweise für Merchandising eingesetzt werden.
Aufklappen, entdecken, losgehen
Auch inhaltlich setzt das «MuseumsPocket» auf Übersichtlichkeit. Jede Institution erhält eine kompakte Präsentation mit den wichtigsten Angaben. Dazu gehören Informationen zu Adresse, Kontakt, Öffnungszeiten und den jeweiligen Schwerpunkten. Ein QR-Code führt direkt zur Website des Hauses – dort können aktuelle Informationen abgerufen werden.
Eine Landkarte hilft bei der Orientierung und macht aus der Broschüre mehr als ein Informationsblatt. Wer in Vaduz unterwegs ist, kann ebenso schnell fündig werden wie jemand, der einen Ausflug ins Ober- oder Unterland plant. Vom Kunstmuseum und der Hilti Art Foundation über das PostMuseum und die Schatzkammer bis zum Gasometer, dem Walsermuseum oder dem Küefer-Martis-Huus reicht die Spannweite.
Damit wird das «MuseumsPocket» auch zum Begleiter für Veranstaltungen, bei denen mehrere Kulturorte im Mittelpunkt stehen – etwa die Familienaktion «Reiseziel Museum». Die Broschüre soll nicht im Regal liegen, sondern unterwegs zum Einsatz kommen. Wie sehr das neue Format tatsächlich zum Entdecken einlädt, führte Clown Thomas Beck auf seine eigene Art vor. In einer kurzen Performance kämpfte er zunächst mit der alten, umfangreichen Broschüre. Seite um Seite wird gelesen – bis die Müdigkeit überhandnimmt. Dann taucht das «MuseumsPocket» auf. Beck ist begeistert, nur stellt sich zunächst die Frage: Wie faltet man dieses Ding eigentlich richtig auf? Mal sieht es wie ein Fächer aus, mal wie ein Hut, mal wie ein kleines Kunstwerk. Erst als sich das Geheimnis des Faltens lüftet, wird klar, was darin steckt. Dann geht alles erstaunlich schnell: aufklappen, orientieren, entdecken – und schon ist der Museumsführer gelesen.
Kleine Broschüre, grosse Idee
Am Ende der PocketParty bleibt deshalb mehr als ein neues Heft. Das «MuseumsPocket» steht sinnbildlich für eine Kulturlandschaft, die ihre Vielfalt nicht verstecken muss, um gemeinsam aufzutreten. Es verbindet unterschiedliche Häuser, Orte und Geschichten auf kleinem Raum – und macht daraus eine Einladung, sie vor Ort kennenzulernen.
Seit Ende August ist die Broschüre bei den beteiligten Institutionen und Kulturhäusern erhältlich. Auch Gemeindeverwaltungen und das Liechtenstein Center legen sie auf. Und vielleicht liegt gerade darin der Charme des Projekts: Die Kultur des Landes muss nicht immer gross inszeniert werden. Manchmal reicht ein Griff in die Hosentasche.
«Das MuseumsPocket soll zeigen, wie vielfältig Liechtensteins Kultur ist, ohne diese Vielfalt in ein enges Korsett zu zwängen. 17 unterschiedliche Häuser werden zu einem gemeinsamen Netzwerk – kompakt, praktisch und so gestaltet, dass man am liebsten gleich loszieht und eines nach dem anderen entdeckt.»
Petra Büchel
Bildlegende Bockmühl
Gestalterin Sabine Bockmühl begeisterte mit ihrer Idee und der Umsetzung des MuseumsPockets nicht nur die 17 beteiligten Kulturinstitutionen.
Bildlegende Beck
Clown Thomas Beck kämpft zuerst mit dem MuseumsPocket und findet dann den Weg.
Bildlegende Alle
Die MacherInnen des MuseumsPockets präsentieren einen idealen Begleiter für das «Reiseziel Museum».
Text und Bilder: aha













