Im alten Schaaner «Bierhüsle» trifft Denkmalschutz auf zeitgenössische Kunst: Wo einst Bier gebraut, gelagert und gekühlt wurde, entstehen künftig Ateliers, Begegnungen und neue Ideen. Die Kulturbrauerei gibt einem historischen Gebäude eine ziemlich lebendige Zukunft.
Im Schaaner «Bierhüsle» wurde einst gekühlt, gelagert und gebraut. Heute wird hier noch gebaut. Ab 2027 sollen stattdessen Ideen gären: In der neuen Kulturbrauerei ziehen KünstlerInnen aus Liechtenstein und aller Welt ein. Ein altes Denkmal bekommt damit etwas, das Denkmäler dringend brauchen: ein Morgen. Man nehme ein 1887 gebautes Brauhaus, einen historischen Gewölbekeller, fünf Ateliers und eine ordentliche Portion Mut. Man lasse das Ganze ein paar Jahre reifen – und fertig ist die Kulturbrauerei Schaan. Na ja, fast. Noch stehen Handwerker im Haus. Aber schon bald sollen hier Künstlerinnen und Künstler einziehen. Wo einst Bier gekühlt wurde, wird künftig Kunst gemacht. Der historische Gewölbekeller, früher Lager- und Kühlraum, wird zum Werk- und Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst. Aus Eis und Bier werden also Ideen und Bilder. Das ist nicht nur charmant. Es ist ziemlich genau das, was moderne Denkmalpflege können sollte.
Ein Haus, das beinahe verschwunden wäre
Dabei hätte die Geschichte auch anders enden können. 2021 drohte dem ehemaligen Brauereigebäude der Abbruch. Heute steht es unter Denkmalschutz. Die Gemeinde Schaan kaufte das Gebäude 2022, 2023 folgte die Aufnahme ins Kulturregister. «Denkmalschutz allein schafft noch keine Zukunft», sagt Patrik Birrer, Leiter des Amts für Kultur. Und damit trifft er einen wunden Punkt: Ein Denkmal kann noch so schön, alt und schützenswert sein – wenn niemand mehr etwas damit anzufangen weiss, wird es irgendwann zum Problem.
Also musste die Frage nicht lauten: Wie machen wir das Haus wieder so, wie es einmal war? Sondern: Wie schaffen wir es, dass es morgen noch gebraucht wird? «Ein Denkmal lebt nicht davon, dass es unverändert bleibt», sagt Birrer. Es müsse vielmehr gelingen, Geschichte und Gegenwart zusammenzubringen. Genau das passiert in Schaan. Neue Erschliessungen, Treppe und Lift machen das Gebäude barrierefrei. Im Obergeschoss entstanden Wohn- und Arbeitsräume. Der Gewölbekeller erhielt eine neue Funktion. Historische Substanz trifft moderne Haustechnik. Denkmalpflege trifft Alltag. Oder, wie Birrer es formuliert: «Wie kann das Neue mit dem Alten in einen produktiven Dialog treten?»
Die Kunst zieht ein
Ab 2027 wird es international. Drei Wohnateliers sind für Kunst- und Kulturschaffende aus dem Ausland vorgesehen, zwei weitere für heimische Kreative. Jeweils drei Monate sollen die internationalen Gäste in Schaan leben und arbeiten. Das Entscheidende dabei steht allerdings nicht in den Grundrissen. Es steht zwischen den Menschen. «Ein Artist-in-Residence-Programm lebt nicht allein davon, dass jemand einen schönen Arbeitsplatz und ein Zuhause zur Verfügung gestellt bekommt. Es lebt von Begegnung», sagt Birrer.
Und Begegnung kann in einem kleinen Land besonders spannend sein. Eine Schriftstellerin aus Paris kommt nach Schaan und schaut plötzlich anders auf Liechtenstein. Ein Künstler aus Barcelona entdeckt etwas, das Einheimische längst übersehen. Eine Fotografin stellt Fragen, auf die hier noch niemand gekommen ist. Und vielleicht sitzt am Ende jemand beim Kaffee und hat eine Idee. «Das sind die Dinge, die sich nicht planen lassen», sagt Birrer. Genau dafür soll die Kulturbrauerei Raum schaffen.
Vergangenheit mit Anschluss
Das «Bierhüsle» erzählt dabei selbst schon eine ziemlich gute Geschichte. Der Gewölbekeller mit seinen doppelten Mauern erinnert an die Zeit, als Eis dafür sorgte, dass das Bier auch im Sommer kühl blieb. Das Gebäude war Produktionsstätte, Arbeitsplatz und später auch Wohnort. Nun wird es wieder zum Arbeits- und Lebensort. Nur das Produkt hat gewechselt. Aus Bier wird Kunst. Und aus einem Ort der Produktion wird ein Ort der Begegnung.
Kulturministerin Sabine Monauni betonte bei der Eröffnung, dass Denkmäler nicht bloss aus Mauern und Fassaden bestünden. Ihre Bedeutung entstehe durch die Menschen, die sie nutzen. Das Brauhaus habe einst Generationen von Arbeitenden beherbergt. Nun sollen hier Kunst- und Kulturschaffende leben und arbeiten. Damit bekommt das alte Haus eine neue Aufgabe, ohne seine alte Geschichte zu verlieren.
Keine Glasglocke, bitte
Für Birrer ist genau das der Kern moderner Denkmalpflege. «Wenn wir jedes Denkmal nur möglichst wenig verändern, laufen wir Gefahr, dass wir am Ende zwar die Gebäude erhalten haben, aber keine Menschen mehr darin leben oder arbeiten.» Das klingt fast ketzerisch – ist aber logisch. Ein Denkmal ist kein eingefrorenes Foto. Es ist ein Gebäude. Es muss funktionieren. Es muss benutzt werden. Es muss Menschen aushalten, die morgens aufstehen, arbeiten, kochen, duschen, diskutieren und gelegentlich auch anderer Meinung sind.
«Ein Denkmal ohne Nutzung ist langfristig auch gefährdet», sagt Birrer. Die Kulturbrauerei versucht deshalb etwas, das auf den ersten Blick widersprüchlich klingt: Sie bewahrt, indem sie verändert. Das Resultat soll kein grosses Kulturzentrum mit Dauerlärm werden. Vielmehr entsteht ein Ort des konzentrierten Arbeitens, des Austauschs und der Begegnung. Einer, der nach innen offen ist und gleichzeitig Rücksicht auf das Wohnquartier nimmt.
Was hier noch niemand kennt
Vielleicht ist das Spannendste an der Kulturbrauerei deshalb nicht, was heute schon zu sehen ist. Sondern das, was noch gar nicht existiert. Denn niemand weiss, was die KünstlerInnen hier entwickeln werden. Welche Texte entstehen. Welche Bilder. Welche Kooperationen. Welche Freundschaften. Vielleicht auch welche Diskussionen. «Wir schaffen einen Rahmen, der offen genug ist für das, was heute noch niemand kennt», sagt Birrer. Das ist für ein kleines Land durchaus ein grosser Schritt. Liechtenstein öffnet einen historischen Ort für internationale Kunst und lässt sich gleichzeitig von aussen betrachten.
Die offizielle Eröffnung ist am 14. November 2026 geplant. Ab Anfang 2027 sollen die ersten Gäste einziehen. Dann wird aus der Baustelle ein Atelier. Aus dem Kühlkeller ein Ausstellungsraum. Und aus dem «Bierhüsle» ein Ort, an dem nicht mehr nur etwas aufbewahrt wird, sondern etwas entsteht. Birrer hat dafür ein passendes Bild gefunden: «Eine Brauerei ist traditionell ein Ort, an dem etwas entsteht.» Man brauche Zutaten, Zeit, Erfahrung und die richtigen Bedingungen. Eigentlich, sagt er, sei das «gar keine schlechte Beschreibung von Kultur». Vielleicht ist das die beste Nachricht aus dem alten Brauhaus: Bier war gestern. Jetzt darf hier Kultur gären.
Zitat:
«Ein Baudenkmal ist kein eingefrorener Zustand. Es ist ein Versprechen: Wir geben weiter, was uns anvertraut wurde. Aber Weitergeben bedeutet manchmal auch Veränderung. Genau hier treffen sich Denkmalpflege und Kunst: Beide brauchen die Vergangenheit – aber beide müssen an die Zukunft denken.»
Patrik Birrer













